Tagtäglich sind wir bis zu 2000 Schadstoffen ausgesetzt. Deshalb ist es sinnvoll diese Menge an Schadstoffen sowohl in ihrer Anzahl als auch in ihrer Konzentration zu senken.
Das Positive ist: viele Schadstoffe haben wir selbst im Griff!
Das ist eine Tatsache, die den allerwenigsten bisher bekannt ist. Aber es ist Fakt, dass wir aussuchen können:
- was wir an Stoffen in unseren Körper lassen,
- womit wir unseren Körper in Kontakt bringen und
- mit welchen Materialien wir uns umgeben.
Gerade die Materialien, mit denen wir uns umgeben, spielen dabei eine große Rolle.
Die innere Schönheit von gesunden Materialien
Die Innenarchitektur zielt darauf ab, die Wohn- und Arbeitsräume wohnlich, schön, angenehm und funktional zu gestalten. Das schafft Lebensqualität. Was dabei oft außer Acht gelassen wird, ist die „chemische Schönheit“, also dass die verwendeten Materialien auch für unseren Organismus auf der chemischen Ebene „schön“ sind, quasi die inneren Werte und die innere Schönheit der Materialien in Bezug darauf, wie unser Körper sie wahrnimmt.
Deshalb ist es so wichtig sich dieser Ebene bewusst zu sein, um auch beim Konsum präventiv Gesundheitsvorsorge betreiben zu können. Und somit erkennen zu können, dass es Sinn ergibt bei Fragen der Einrichtung, sowohl beim Bau als auch bei der Innenarchitektur, darauf zu achten mit Spezialisten zusammenzuarbeiten. Besonders mit jenen, die sich auf die innere Schönheit der Materialien spezialisiert haben und den gesundheitlichen, präventiven Gedanken bei all ihrer Materialauswahl mit einfließen lassen. Viele legen den Fokus auf schön und schick, lassen aber den Aspekt der Chemikalien, Schadstoffe und inneren Schönheit außer Acht. Dann werden die Menschen „aus heiterem Himmel“ ein paar Jahre später chronisch krank, können sich gar nicht vorstellen weshalb und haben nicht auf dem Schirm oder irgendwo im Bewusstsein, dass es ihr Umfeld, die Materialien ihrer Einrichtung sein könnten, die ihre Symptome hervorrufen.
Wieso ist das so wichtig?
Außen hui, innen pfui!
Heutzutage gibt es viel Schein, Glamour, „Sieht aus wie“-Produkte, die Luxus und Eleganz vortäuschen, im Kern aber aus minderwertigen Materialien hergestellt sind, die gesundheitlich bedenklich sind und oft Schadstoffe enthalten:
Beispiele dafür sind, was Einrichtungsgegenstände betrifft:
- Bodenbeläge
- Kleber
- Möbel
- Matratzen
- Gardinen
- Teppiche
- Leuchten
- Polsterungen bei Sofas und Stühlen,
- Wandbeläge, Putze, Tapeten, Farben
Was kann darin enthalten sein:
- Schnellflüchtige Verbindungen aus PVC-Böden
- Plastik / Pressspan / Formaldehyd
- Bromierte und chlorierte Flammschutzmittel,
- Kunstfasern in Teppiche / Textilien / Gardinen
- Veredelungen und Beschichtungen bei den Textilien
- Insektizid Permethrin bei konventioneller Wolle
Experten, die sich weigern schädliche Stoffe einzusetzen
Eine kleine Analogie:
Zahnärzte weltweit wissen theoretisch um die schädigende Wirkung von Quecksilber, Cadmium und Blei in den Amalgamfüllungen, die sie ihren Patienten verabreichen, dürfen Amalgam aber trotzdem nutzen, um Zähne zu füllen. Jetzt gibt es Zahnärzte die nicht nur darum wissen, sondern sich auch weigern dieses giftige Material irgendjemandem einzusetzen. Diese Zahnärzte sind zu wählen! Analog solltest Du beim Füllen Deiner Wohnung darauf achten Innenarchitekten zu wählen, die sich weigern schädliche oder giftige Materialien überhaupt einzusetzen. Denn wie das Amalgam in der Mundhöhle diffundieren schädliche Materialien aus den Einrichtungsgegenständen ihrer Wohnung in die Umgebung, sowohl in die Luft als auch in andere umliegende Gewebe.
Deshalb freue ich mich, dass Kathrin, Interior Designerin und Physiotherapeutin, die sich das Thema „gesundes Wohnen“ auf die Fahne geschrieben hat, zu diesem so wichtigen Thema von Umweltschadstoffen in der Inneneinrichtung einige Fragen beantwortet.
Unsere Räume wirken auf unsere Gesundheit
Liebe Kathrin, wie würdest du einen Lebensbereich wie Küche, Schlafzimmer, Büro oder eine Praxis einrichten? Worauf sollte man am meisten achten?
Diese Frage ist natürlich super umfangreich, aber vielleicht kann ich die grundlegenden Prinzipien verdeutlichen. Bei jeder Raumgestaltung geht es darum, die optimale Funktionalität mit einer tollen Ästhetik zu vereinen und so einen möglichst individuellen Charakter zu erschaffen. Wir wissen inzwischen, dass Räume immer auf uns wirken und wir uns deutlich mehr Gedanken machen sollten, wie wir unsere Umgebung gestalten.
Denn der Einfluss auf unsere psychische und physische Gesundheit ist enorm.
Hier spielt die Auswahl der Farben, Materialien und die Formsprache eine entscheidende Rolle.
Einer der wichtigsten Parameter für die Art der Gestaltung ist auch die Nutzungsabsicht. In einem Raum, in dem man sich nur kurz aufhält, darf es durchaus auch etwas farbenfroher zugehen oder man kann auch mal mutigere Muster wählen. Wohingegen vor allem Bereiche, in denen wir Ruhe suchen oder uns konzentrieren wollen, eher zurückhaltender und harmonischer gestaltet werden sollten.
Ein menschenzentrierter Ansatz bei der Raumgestaltung
Insgesamt lässt sich wohl sagen, dass ein menschenzentrierter Ansatz bei der Raumgestaltung ein guter Ausgangspunkt ist.
Was allen Räumen gut tut ist, natürliche Materialien einzubringen. Das bedeutet sich klar zu machen, dass wir Teil der Natur sind und diese auch wieder mehr in unser Umfeld integrieren sollten. Das kann über Materialien wie Holz, Stein oder Naturfasern geschehen, aber auch durch Kunst, die uns an die Natur erinnert. Ob man nun mit Moosbildern, Skulpturen, Landschaftsgemälden oder Naturfotografien arbeitet ist eigentlich egal.
Natur beruhigt uns und gibt uns Geborgenheit. Ein menschliches Grundbedürfnis, das leider viel zu oft ignoriert wird.
Man kann also recht einfach beginnen in dem man beispielsweise die Polyestervorhänge durch schöne Baumwoll- oder Leinenvorhänge ersetzt, die zusätzlich zur gesünderen Faser auch eine viel hochwertigere Optik und interessantere Haptik mitbringen.
Oder in dem man mineralische Wandfarben wählt, statt der üblichen Dispersion, die immer Kunststoffe und Lösemittel enthalten.
Die größte Sünde der Innenarchitektur
Kathrin, was sind aus deiner Sicht die größten Sünden in der Innenarchitektur hinsichtlich Schadstoffbelastung?
Kunststoffe. Diese Kategorie ist groß und leider auch sehr unübersichtlich für die Verbraucher. Aber hier geht es vor allem um Kunststoffe, die auf großen Flächen zum Einsatz kommen. Zum Beispiel bei Wandfarben, Bodenbelägen und Textilien.
Das fiese daran ist die lange Zeit, über die die flüchtigen Verbindungen ausdünsten und unseren Organismus schädigen, ohne dass wir das unbedingt sofort merken.
Dispersionsfarben, der Laminat- oder Vinylboden, der ja ach so praktisch zu reinigen ist und leider auch die Polyestervorhänge von günstigen, trendigen Möbelhausketten, sind hier nur die gängigsten Beispiele.
Merken kann man sich vielleicht Folgendes ganz gut: Je größer die Oberfläche, desto achtsamer sollte man das Material auswählen. Denn auch bei Möbeln gibt es ungünstige Materialien aber diese tauscht man gewiss häufiger oder wahrscheinlicher aus, als einen Boden- oder Wandbelag.
Deine Entscheidungen – haben langfristige Folgen!
Was würdest du dir wünschen, dass die Menschen bei ihrer Inneneinrichtung beachten, um schadstofffreiere Lebensräume zu kreieren?
Ich würde mir wünschen, dass Menschen begreifen, dass jede Entscheidung folgen hat auch wenn ich nicht direkt einen negativen Effekt spüre. Leider erlebe ich immer wieder, dass die schädigende Wirkung von VOC- also schnellflüchtigen Verbindungen heruntergespielt wird. Nicht selten sogar von Handwerkern und Verarbeitern. Das ärgert mich besonders, denn es ist erwiesen, wie schädlich diese Stoffe für den Menschen sind. Das ist nicht einfach nur ein Gag der Industrie um mehr Geld zu machen. Hier geht es um langfristige Folgen, die leider in unserer sehr schnelllebigen Gesellschaft nicht genug Beachtung finden, weil man es sich angewöhnt hat, die Probleme von morgen erst mal vor sich her zu schieben, anstatt heute schon eine bessere Entscheidung zu treffen.
Insgesamt kann ich also sagen, ich wünschte mir, dass die Menschen langfristiger denken und klügere Entscheidungen für ihre Wohn- und Arbeitsräume treffen.
Schon kleine Wechsel können viel bewirken
Wo beginnt die Thematik von Innenarchitektur und der bewussten Auseinandersetzung mit Umweltschadstoffen? Und wo endet sie?
Es beginnt immer schon bei der Wahl der Baustoffe. Denn das verrückte ist, dass sich darüber sehr wenige Menschen bewusst sind, was schon ein simpler Wechsel der Dämm-Materialien für unsere Raumluft bedeuten kann. Wenn ich mich für eine Steinwolldämmung statt einer Glaswolldämmung entscheide oder für einen mineralischen Putz anstatt dem gängigen Zementputz. Viele Schadstoffe der Baumaterialien können sogar von der Fassade in die Innenräume dringen. So konnten bereits Alkane aus Fassadenputz nach einer gewissen Dauer sogar in der Innenraumluft nachgewiesen werden. Und hier handelt es sich ja nicht direkt um einen harmlosen Stoff. Alkane sind hoch kanzerogen, also krebserregend einzustufen, und sollten in unserer Atemluft erst gar nicht vorkommen.
Aber zurück zur Frage wo es beginnt und wo es aufhört. Wie gesagt aus meiner Sicht beginnt es bei der Wahl der Baustoffe und Materialien und geht weiter über die Möbel und Ausstattungsgegenstände.
Ich bin kein Fan davon, zu pedantisch zu sein, denn es muss auch umsetzbar bleiben. Aber wenn man sich bewusst damit auseinander setzt, was man in seine Räume holt, dann kann man die Anzahl und Menge der Schadstoffe deutlich reduzieren. Und ich denke, das ist das Ziel. Schadstoff-freie Räume werden wir nie erreichen aber Schadstoff-arme Räume sind auf jeden Fall möglich.
Umweltreize jenseits der Chemikalien
Welche Umweltfaktoren haben neben den chemischen Schadstoffen einen Einfluss auf uns Menschen?
Der Mensch ist ein komplexer Organismus und hat eine wahre Superkraft. Er kann sehr viele Einflüsse kompensieren. Und das ist gut so, damit wir auch in unserer Umgebung resilient auf Veränderungen reagieren können. Dennoch sind wir darauf angewiesen, dass dieser Kompensationsmechanismus nicht überfordert und überbeansprucht wird. Das bedeutet, wir sollten uns definitiv der Stressoren bewusst sein, die unser System belasten.
Dazu gehören neben den Schadstoffen auch alle Dinge, die unsere Sinneswahrnehmung beeinflussen. Licht, Akustik, Farben, visueller Lärm aber auch Formen und die haptische Qualität unserer Umgebung. Es ist ein komplexes Zusammenspiel und deshalb sollten wir uns klar machen, dass ein zuviel an sensorischen Reizen ebenso kontraproduktiv sein kann, wie zuwenig Reize. Ein gesunder Mensch hat hier übrigens eine sehr viel höhere Toleranzschwelle als ein Mensch mit gesundheitlichen Einschränkungen.
Da auch hier gilt, der Mensch ist Teil der Natur, kann man sich perfekt an den natürlichen Gegebenheiten orientieren. Nehmen wir das Beispiel Licht. Der Mensch ist seit jeher vom natürlichen Rhythmus des Tageslichts abhängig. Unser Hormonsystem ist wie ein Uhrwerk darauf programmiert gewisse Hormone je nach Tageszeit und Tageslichtqualität zu produzieren oder zu hemmen. So können wir aber auch in Innenräumen dafür sorgen, dass dieses System komplett aus den Fugen gerät. Schlafstörungen, Gereiztheit und sogar depressive Verstimmungen können ihre Ursache in einer ungünstigen, statischen Lichtsituation in Innenräumen haben.
Und so gibt es noch etliche Faktoren mehr, die uns beeinflussen, ohne dass wir uns dessen wirklich bewusst sind. Der visuelle Lärm ist ein weiterer Stressor. Visueller Lärm entsteht durch die Anwesenheit vieler Gegenstände mit unterschiedlichen Formen, Größen, Farben und Materialien. Diese müssen nicht einmal im herkömmlichen Sinne unordentlich herumstehen. Auch ein toll geordnetes aber sehr unruhiges und volles Regal kann diesen visuellen Lärm verursachen.
Der visuelle Lärm, wird von mir gerne zur Gruppe der „unsichtbaren drei“ zugeordnet.
Hierbei handelt es sich um Einflüsse, die wir mit dem bloßen Auge nicht direkt wahrnehmen, die jedoch die Raumwirkung extrem negativ beeinflussen können, wenn sie bei der Gestaltung nicht beachtet werden. Hierzu zählt neben Licht und Akustik (inklusive dem visuellen Lärm) auch das Raumklima.
Umweltfaktoren beeinflussen deine Gesundheit
Und was kann passieren, wenn wir diese Umweltfaktoren nicht berücksichtigen und diesen Einflüssen lange ausgesetzt sind?
Neben den bereits angesprochenen Auswirkungen wie hormonelle Fehlsteuerungen durch ungünstige Beleuchtung können natürlich allerhand andere Symptome auftreten. Kopfschmerzen, müde und überlastete Augen aber auch Schlafstörungen sind nur eine kleine Auswahl dessen, was passieren kann. Die gravierenderen Auswirkungen sind depressive Verstimmung oder Angststörungen ebenso wie physische Schäden durch unergonomische Räume.
Zudem haben Menschen, die sich schädlichen Einflüssen durch VOC aussetzen, ein vielfach höheres Risiko für Asthma und Allergien sowie andere viel gravierendere Lungenschäden oder Organschäden. Der Bereich der chronischen Erkrankungen und Autoimmunerkrankungen darf in diesem Zusammenhang auch nicht vernachlässigt werden.
Quick Win – Long Win
Was kann man kurz- und langfristig tun, um seine Räume schadstoffarm zu gestalten?
Kurzfristig steht zuerst die Bestandsaufnahme. Das bedeutet ich prüfe zuerst einmal was sich in meinen Räumen überhaupt an Schadstoffquellen findet. Wie sind die Bodenbeläge, welche Wandfarbe wurde verwendet und welche Textilien finden sich.
Danach kann ich einen Plan erstellen, was ausgetauscht oder entfernt werden kann.
Sehr einfach ist es zum Beispiel, die Vorhänge auszutauschen oder problematische Kunststoffe in Möbelstücken loszuwerden, in dem man diese durch eine schadstoffärmere Variante z.B aus Vollholz ersetzt.
Langfristig ist es sinnvoll, sich vorzunehmen die Baustoffe durch bessere Alternativen zu ersetzen. Z.B wenn das Dach neu gedämmt werden muss auf eine schadstoffärmere Dämmung zurück zu greifen oder wenn Bodenbeläge erneuert werden müssen, auf Fliesen, Holzboden oder Schurwollteppiche zu setzen. Da es sich dabei meist um größere Renovierungs- oder Sanierungsarbeiten handelt, ist es auch immer ratsam, sich beratende Unterstützung von einem Experten zu holen.
Denn hier können schnell teure Fehlentscheidungen passieren.
Liebe Kathrin, vielen lieben Dank für dieses Interview und deine aufschlussreichen Ausführungen zu Umweltschadstoffen in der Innenarchitektur. Es ist, wie du sagst, so wichtig, wie und womit wir unsere Umgebung gestalten. Ein menschenzentrierter Ansatz und natürliche Materialien tun uns gut. Kunststoffe und die daraus entwickelnden entweichenden flüchtigen Verbindungen (VOCs= Volatile Organic Compounds), schaden unserem Organismus, dessen größtes Organ, die Haut, auch die die größte Eintrittspforte für Stoffe ist. Jede Entscheidung bei der Inneneinrichtung hat Folgen für unser Wohlbefinden. Es ist so wichtig, dass wir uns der Stressoren bewusst werden, die uns belasten, um überhaupt in der Lage zu sein, eine schadstoffarme Umgebung zu kreieren. Ich freue mich, dass du wie ich mit deiner Arbeit in diese Richtung der schadstoffarmen Umgebungen arbeitest und wir so mehr Wohlbefinden und Lebensqualität in die Leben der Menschen bringen.
Wohn- und Arbeitsräume schadstoffoptimiert planen: Interior Designerin Kathrin Schmidt
Wenn dich das Thema interessiert, kannst du unter https://ks-wohndesign.com/gesuender-wohnen-und-arbeiten, den Artikel lesen, zu dem Kathrin mich interviewt hat und der auf Kathrins Blog zu finden ist.